Die Unterkunft im Uzuri Guesthouse ist für die erste Nacht okay. Kurze Zeit nach unserer Ankunft erschien schon Katrina von Tourlane. Sie fungiert als Backup, wenn irgendwas auf der Reise sein sollte oder wir einfach nur eine Frage zum besten Restaurant in der jeweiligen Ortschaft haben. Also besonderes Bonbon hatte sie für uns eine namibische SIM-Karte, auf der die vorherigen Besitzer sogar noch ganze 17 GB Datenvolumen für uns übrig gelassen haben. Toller Service, tolle Frau mit sehr gutem Deutsch. Als Ihre 7-jährige Tochter anrief und nicht glaubte, dass Mama arbeitet konnte Lisa das auch dieser Kleinen (auf deutsch) bestätigen. Ihre Kinder gehen auf die deutsche Schule.
Wir haben gleich bei ihr eine Erkundungsfahrt ins Township „Katatura“ mit zwei direkt dort wohnenden Locals gebucht.
Vorher sind noch schnell ins direkt der Unterkunft gegenüberliegende Einkaufscenter gefahren. Ja … wirklich gefahren! Auf Anraten von Katrina wird das hier so gemacht. Haben die sich wahrscheinlich bei den Amis abgeschaut, wo auch der nächste Nachbar stets mit dem Auto angesteuert wird.
In besagter Mall gab es einen EUROSPAR. Deutsche Produkte mit deutscher Aufschrift allenthalben. Selbst ein großes HaRiBo-Regal mit meiner (in Deutschland schwer zu findender) Lieblingssorte „Bärchenpärchen“ war vorhanden.

Gleich mal den Vorrat aufgestockt. Preislich lagen sogar die aus der Heimat bekannten Markenprodukte teils deutlich unter den in der Heimat aufgerufenen Endpreisen.
Nach Anlegen eines Erstvorrates bestehend aus Wasser, ein paar Crackern und besagten Gummibären (reicht mir als Überlebensration) sind wir wieder in die Unterkunft zurück, um sofort anschließend bereits von unseren Guides für Katatura abgeholt zu werden.
Das Team bestand aus dem Fahrer eines recht abgewrackten Hondas und einer ca. 25-jährigen Hippen mit blond gefärbten Haaren. Die Kommunikation lief auf englisch. Unsere Befürchtungen, dass diese dabei schwer wegen eines Akzentes zu verstehen sind, verflüchtigte sich sofort.
Einen ersten Stopp legten wir an der recht bekannten Christuskirche ein.

Auf Einzelheiten verzichte ich hier, da wir die am nächsten Tag noch intensiver angeschaut haben. Dazu dann also mehr im nächsten Post.
Weiter dann Richtung Katatura. Dabei handelt es sich um eine riesige Siedlung aus kargen Wellblechhütten und teilweise einfachsten Steinbauten. Bis 1990 gehörte Namibia quasi als Sonderverwaltungszone zu Südafrika und stand formal unter britischer Verwaltung. Zu Zeiten der Apartheit wurde somit die einheimische Bevölkerung aus der Stadt gedrängt und musste sich in diesem „neuen Viertel“ niederlassen. Wer mehr zu dem Hintergrund wissen will, findet viel im Internet. Ich verzichte hier auf geschichtliche Hintergründe, dies würde diesen Rahmen sprengen.
Zuerst steuerten wir einen Markt an. Gleich am Eingang war die „Fressmeile“. diese bestand aus mehreren Grillständen in Reihe, welche alle frisch gegrillte Rindfleischstückchen anboten, garniert mit einer Gewürzmischung aus Salz und Chili. Äußerst lecker!


Direkt hinter den Grillständen wurden die Fleischstücken aus ganzen Rinderteilen ausgelöst. Mal von Fliegen und grundsätzlicher Hygiene abgesehen, geht es nicht frischer. Eine mittlere Schale besagtem Grillgutes kostete 20 namibische Doller (NAD), mithin ein ganzer Euro.
Weiterhin gab es alle möglichen Arten von Gewürzen, getrocknetem Fleisch, Fisch und Maden. Quasi ein Schlaraffenland für Lisa. 🙂

Aber der Rundgang über den Markt ging noch weiter. Es folgten mehrere Nähstuben, in denen aus zumeist selbst angelieferten Stoffen dann entsprechende Kleidungsstücke gezaubert werden.
Dann Reparaturwerkstätten für Technik. Da wurde an total versifften Röhrenfernsehern geschraubt, welche bei wohl nicht mal mehr beim Elektroschrott angenommen wurden wären. Jeder dritte weitere Stand war für das Frisierhandwerk reserviert. Überall saßen Einheimische mit ihrer natürlichen kurzen Lockenpracht und ließen sich per Extensions kunstvolle Gebilde oder ewig lange Zöpfe flechten. Als wir am Abend Africas Top Music Videos im TV schauten, war auch klar, dass diese ihren jeweiligen Vorbildern nacheifern. Keine Sängerin hatte keine Extensions.
Aus alten Reifen wurden Sitzmöbel gebaut. Überhaupt lagen überall Reifen rum. Sei es zum Beschweren irgendwelcher Planen oder einfach nur so am Straßenrand.
Eingangs genannte Katrina machte uns schon Mut indem sie meinte, dass das Risiko einer Reifenpanne bei einer Tour wie unserer bei 50:50 liegt. Nun erschließt sich auch, warum EUROPCAR im Erklärungsvideo am Flughafen ein ganzes Kapitel dem Reifenwechsel widmete.

Aber Katatura besteht nicht nur aus dem Markt. Beim Verlassen selbigen, verlangte ein Umherstehender vom Fahrer Geld. Es war nicht abschließend zu klären ob fürs Car washing oder fürs Car watching. Beides hat er leidlich versucht. Aber das recht heftig wirkende Wortgefecht war wohl am Ende eher als üblich einzustufen.
Nunmehr wurde uns das ganze Ausmaß dieser Stadt in der Stadt klar. Durch mehrere Hügel und Täler ziehen sich unendliche Wellblechhütten, welche teils einen desaströsen Zustand aufweisen. Die meisten haben nicht einmal eine eigene Toilette. Die Stadt vergibt Wassermarken, welche auch zur Spülung verwendet werden müssen. Wenn am Ende der Marken noch Monat übrig ist – Pech gehabt.





Eine Nachfrage meinerseits, ob es schon zu größeren Katastrophen wie Feuern gekommen ist wurde als irrig abgetan. Die Guides verteidigten „ihr Viertel“ vehement. Das Argument, dass aufgrund der Blechwände und des vorhandenen Abstandes (ich konnte keinen erkennen) sowie der gegenseitigen Unterstützung kein größeres Feuer ausbrechen kann erschließt sich aufgrund der vielen Autoreifen, Stoffvorhängen und sonstigem Unrats nicht. Aber sei es drum.
Es handelt sich um ein riesiges Ghetto mit immenser Arbeitslosigkeit und offensichtlicher eklatanten Armut, welches so nur durch die Rassentrennung entstehen konnte. Durch Landflucht und Zuwanderung aus den angrenzenden Staaten wächst gerade dieses Viertel immer mehr. Niemand weiß, wie viele Leute überhaupt dort wohnen. Uns beschlich ein unbehagliches Gefühl, dass wir uns dort einfach so durchfahren lassen. Das ist wirklich Armut im wahrsten Sinn. Uns wurde aber versichert, dass die verschiedenen Ethnien dort in friedlicher Koexistenz zusammenleben.
Mit diesen Eindrücken verabschiedeten wir uns in die erste Nacht in Namibia.



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